Saturday, April 5, 2008

Polizei!

Ein Verkehrspolizist sitzt an der Ecke Sharia Brazil und 26th of July unter der Hochtrasse in einem Plastikstuhl und arbeitet. Das nicht geladene AK 47 ist an den Stuhl gelehnt und ein Bein durch den Trageriemen gesteckt, damit keiner kommt und es mitnimmt, was leicht zu machen wäre, so nah wie die Autos in 4-8 Reihen auf 2-3 Spuren an ihm vorbeibrausen. Aber er passt auf! Hier wird nichts geklaut! Mit dem Fuß im Riemen kann man sogar ein kleines Nickerchen halten, wenn man nicht so empfindlich ist, was Lärm angeht zumindest. Dieser Polizist ist auf Zamalek 1000 mal, in Kairo wohl 100.000 mal anzutreffen. Irgendwo zwischen 35 und 55 Jahre alt, aber das weiß keiner so genau, der Verkehr ist lauter als jede Uhr je ticken könnte. Er ist überall, er sitzt an Kreuzungen. Er sitzt mit 4 anderen 12 Stunden am Tag in einem Polizeiauto, dass in einem extra gebauten Unterstand auf dem Gehsteig auf einer Brücke steht. Er sitzt am Ausgang der Stadt in die Wüste. Er sitzt in den kleinen Wachhäusschen vor den Botschaften und Banken, er sitzt einfach mitten an der Straße, auf einer der Überführungen und sitzt und sitzt und trägt die Verantwortung für den Verkehr und die Ordnung im allgemeinen.

Hier in Zamalek kann es passieren, dass es einen Unfall gibt. Das passiert nicht oft, sogar erstaunlich selten, wenn man die Verkehrsverhältnisse bedenkt, aber manchmal kommt es doch vor. Dann gibt es Arbeit! Erstmal wird aufgestanden und das Gewehr um die Schulter gehängt, außerdem der Vorgesetzte verständigt und dann gestanden und gewartet, bis jemand kommt, der weiß was zu tun ist. Bis das geschehen ist, sind meistens schon viele Leute zusammengekommen, um zu sehen was passiert ist. Kaufleute aus den Läden, ihre Kunden, Anwohner und auch 10-15 Polizisten aus den umliegenden Plastikstühlen. Derjenige, vor dessen Stuhl es passier ist, weiß natürlich am meisten und wird am meisten zu allem befragt und falls er nicht gerade geschlafen hat, antwortet er gern! Am besten wäre es jetzt, wenn er seinen Stuhl auf einen der kleinen Kiosks stellen könnte, damit er etwas höher sitzten und seine Ecke im Troubel weiter im Auge behalten und ihre Fragen beantworten könnte. Bald darauf ist die Straße wieder frei. Kaputte Autos kann man nicht kaputt machen, nichts passiert also. Zurück auf die Plätze! Weiter gehts.

Ein Stück weiter nach Süden, zum Beispiel die Hasan Basha Sabri runter, in Richtung der Botschaften, haben die meisten Glück und sie haben zwei Plastikstühle nebeneinander oder sogar eine kleine Bank und der Verkehr ist viel ruhiger und man kann sich unterhalten. Man sitzt und redet. Wird man von einem der Ausländer gefragt, wo eine Straße ist, kann es schon einmal sein, dass man vergessen hat, wo man überhaupt ist und nichts antwortet, obwohl die Straße, nach der man gefragt wird, genau die ist, in der man gerade arbeitet. Aber was solls, solange nichts passiert, ist die Arbeit gut gemacht! Dank der Bank oder den zwei Stühlen kann man sich mit dem arbeiten abwechseln und solange der andere weg ist, einen Freund einladen und einen Tee trinken und ihm zeigen, wie das Funkgerät funktioniert. Man kann auch sein Gewehr nehmen und um die Ecke schleichen, sich hinter den parkenden Autos oder einem Baum verstecken und so tun, als würde die niederländische Botschaft zum Beispiel die polnische angreifen. Aber das geht erst abends, wenn es etwas ruhiger ist und keiner zuschaut, denn die Polizeiarbeit ist ein ernstes Geschäft, das mit Verantwortunsgefühl und Umsicht erledigt werden will!

Wo sie nun zu zweit sitzten, kann man Pause machen. Wenn dann ein Freund kommt um einen Tee zu trinken, kann man sich sein Taxi ausleihen und etwas dazu verdienen, denn eine Familie kann ein Polizist alleine nicht ernähren. Hier in Zamalek sind viele Leute aus dem Westen. Man kann sie zu den Touristenattraktionen fahren. Nach Giza, zu den Pyramiden oder ins Alte Kairo, ins Koptische Viertel, zum Al Khalili Markt oder in eines der Museen. Man kann sie auch zur Arbeit fahren, nach Mohandessin oder in ein Restaurant, das in Maadi ist und sehr teuer ist. So verdient man etwas Geld, was sehr wichtig ist. Es ist nur ratsam, das Gewehr beim Stuhl und beim Freund zu lassen, denn die Touristen sind immer sehr verwundert, wenn ein Polizist im Taxi sitzt. Und wenn er sein Gewehr dabei hat, sind sie manchmal sehr unruhig, weil sie wohl nicht wissen, dass es nicht geladen ist. Mit ein wenig Glück, kann man in einer dieser Pausen von der Arbeit so viel verdienen, wie in einer ganzen Woche. Oder fast noch mehr:

Ein Polizist, der nicht Genau und im eigentlichen Sinne ein Polizist ist, aber auch die Verantwortung für Ordnung und Sicherheit trägt, arbeitet im Gabalaya Park, gleich um die Ecke, die Hasan Basha runter und dann Rechts, in die Baha ad-Din rein. Er ist dafür zuständig, dass es im Park ordentlich und sittlich zugeht. Einmal hat er im Park aufgepasst, als eine Frau und ein Mann aus dem Westen in den Park kamen, die sich an den Händen hielten. Der Eintritt ist für sie ein wenig teurer, zwischen zwei und fünf Pfund vielleicht, je nach dem, wie geschickt sie sind. Es kommen trotzdem viele von ihnen. Jeden Tag sind welche da und halten die Hände. Und manchmal wissen sie nicht, wie man sich anständig benimmt und dann gibt der Mann der Frau einen Kuss auf den Mund und der Polizist geht zu dem Mann und sagt, dass das nicht in Ordnung ist und das nicht anständig ist und man zusehen muss, dass nicht alles außer Rand und Band gerät und die Strafe für diese Widerwärtigkeit 50 Pfund ist. Er sagt das sehr bestimmt, schon fast ein bisschen laut, aber das ist wichtig, weil seine Uniform nicht exakt die eines Polizisten ist, er aber ebenfalls für Ordnung sorgt und also eine Respektsperson ist. Der Mann wird dann sehr böse und sagt auf Englisch, dass er seine Freundin küssen kann, wo immer er will und solche Sachen und dann sagt der Polizist, dass was er davor gesagt hat und nimmt sein Handy in die Hand um anzudeuten, dass er die Polizei rufen wird und sagt ein paar mal bestimmt und laut: 50 Pfund.

Der Mann aus dem Westen wird sehr böse. Er nimmt 50 Pfund, nein er nimmt 100 und gibt sie dem Polizistchen und küsst nocheinmal wütend die Frau, der das offensichtlich irgendwie gefällt, weshalb sie einen dritten Kuss bekommt und wir also 50 im Minus sind, was dem Herren gleich angetragen wird, der darauf wieder bezahlt und laut lacht und auch der Polizist freut sich, aber lacht nicht, sondern bleibt ernst, es ist seine Arbeit und dann wird weiter geküsst und bezahlt und so wechseln 300 Pfund und etwas Spucke den Besitzer und man trennt sich, wobei der Mann und die Frau sich wahrscheinlich nicht trennen, sondern sich das Paar vom Park und dem Polizisten trennt.

Wenn der Park zumacht zwischen 5 und 9 Uhr, kann der Polizist das Tor schließen und in Richtung 26th of July hochlaufen, wo bestimmt jemand Zeit hat, sich diese Geschichte anzuhören. Und er kann seine Freunde, die richtigen Polizisten und deren Freunde, die Taxifahrer und je nach dem, wer eben gerade auf den Stühlen sitzt, einladen, einen Tee zu trinken und eine Wasserpfeife zu rauchen und zu lachen, wie dumm der Mann war, der seine Frau doch jederzeit umsonst und in Ruhe zu Hause küssen kann.

4 comments:

brom said...

yo!

lauf mir nicht der knüppel-garde des innenministeriums über den weg.
und brav arbeiten, nicht mit steinen werfen, keine falschen fragen stellen, keine fragen stellen, sozialverträglichkeitsaufmärsche melden und um gottes willen: doppelschichten am samstag einlegen .

eigentlich wie zuhause, dieses ägypten...

sz-artikel von heute lesen. ach so...geht nicht

aber ich bin im "block". geht.

brom-atze

polker said...

Menschen werden zumeist in Herden gehalten, die ein Polizist mit der Hilfe einer AK47 behütet.
Die Aufgabe des Polizisten ist dabei die Herde zusammenzuhalten und vor Gefahren zu schützen.
Noch Heute ist es in manchen Teilen der Erde üblich, dass manche Polizisten in kleinen Polizistenstühlen aus Plastik direkt bei ihrer Herde übernachten.
WIKEPEDIA

Anonymous said...

immer wieder ein genuss dir zuzulesen lieber jojo.

hoert sich ja nicht so schlecht an, lass dich brav unterkriegen und belasse es dabei.

alles gute!! alfred

Anonymous said...

haha...laut gelacht. Kairo scheint Konstanz ja sehr ähnlich zu sein. Nur das bei uns die Waffen geladen sind und die Plastikstühle durch aufgemotzte VW Passats ersetzt wurden...aber sonst.

Hab ja letzthin auch nen Bullen im Seeteufel gesehen :)

reingehauen