Friday, April 18, 2008

Hunger!

Die Schlange vor der Baeckerei ist so ungewoenlich lang, das jeder der sie sieht denkt, er sei am Samstage des Osterwochenendes bei Baecker Hansen in der Wedeler Landstrasse, um Brot zu kaufen. Dann naehmlich, wenn das ganze Dorf sich mit Omabroetchen, Schwarzbrot und, weil erst am Dienstag wieder eingekauft werden kann, sogar mit Graubrot eindeckt, damit die Tage schoen beginnen, bei Brot und Tee und Osterei. Am Ende der Schlange, weit auf der Strasse, steht eine alte Frau, die es schwer hat, weil die Jungen draengeln und bruellen und die Haende strecken und gieren. Die Baeckerei ist eine von 800, die die Armen in Kairo mit Brot aus subventioniertem Getreide versorgen soll, auf das der Hunger nicht Ueberhand nimmt und der Volkszorn nicht zur Revolution werde. Das meiste von dem Getreide wird von den Baeckereien gleich wieder auf dem Schwarzmarkt verkauft, mit herrlichem Gewinn, der jedes Kaufmannsherz hoeher schlagen laesst. Eine schwarze Mercedes S-Klasse braust heran, sodass die Frau als weiches Buendel unter ihrer schmutzigen Djilbab an der Strasse klebt und kein Brot mehr braucht.

In der kretischen Laube hat einmal der beinah 30 jaehrige Joseph zum jungen Pharao Amenhotep gesprochen, ihm Stueckchen erzaehlt und die Traeume gedeutet, damit Keme nicht sieben Jahre hungert, nachdem es sieben Jahre der Fuelle erlebt hat. In dieser kleinen Loggia also, gestuetzt von zwei Saeulen, mit einem Fussboden, dessen Quadrate Teils auf Delphinen reitende Kinder, teils Tintenfische zeigten, wurde vor einigen vielen Jahren der Hunger in Aegypten schon besprochen und was liegt da naeher, es dann hier nocheinmal zu tun. Um der Wiederkehr der Sorge, des Ortes und der Beteiligten Rechnung zu tragen und das Geschriebene zum ernsten Thema naerrisch bunt zu machen, wollen wir Joseph und Nefer-Cheperu-Re-Amenhotep anhalten, uns Worte einzufluestern, die wir sonst nur selten hoeren, so selten, wie wir Hunger spueren.

Was also die Frau betrifft, so ist ihr Ende ein barockes Bild, gemalt mit Blut und Mehl auf der fauligen Leinwand der Globalisierung (dieses Wort kam nicht aus Josephs Mund), vielsagend und einpraegsam durch den Kontrast. Ihre Geschichte ist deswegen zur Zeit auch die meissterzaehlte. Viele waren dabei und haben es gesehen und vielen haben sie davon erzaehlt, viele haben darueber geschrieben und berichtet und viele mehr haben es dann gelesen und gehoert. Die anderen Toten sind weniger prominent, sie sind einfach an Schwaeche gestorben, waehrend sie auf Brot warteten oder von einem anderen in der Schlange niedergestochen worden, weil ein Streit ueber die Reihenfolge entbrannte. Wieder andere hat es nicht beim Baecker dahingerafft, sonder im Strassenkampf mit der Polizei, so auch zwei Jugendliche, 15 und 16, mit 2, respektive 3 Kugeln in Kopf und Koerper. Aber denen wollen wir uns ein andermal widmen, da sie nur entfernt und im Grossen Ganzen, dem Weltganzen, mit dem Hunger zu tun haben und hier ja keine Worte verschwendet werden sollen, sondern alles in knapper Praezision mit dem straffen Duktus der Nachrichtenschreiber zur allgemeinen Bekanntmachung des Themas dienen soll.

Joseph wurde also zum Ernaehrer des Mangels. Seine Aufgabe war es, einen Ausgleich zu schaffen zwischen Fuelle und Mangel, indem man die Fuelle spart, um den Mangel damit zu naehren. So lautete Pharaos schoener Wille und er beschmueckte seinen Knecht dann bald mit Titeln wie "Fuerst der Vermittlung", "Freund der Ernte Gottes", "Oberster Mund" oder nannte ihn, etwas weiter gefasst, den "Vorsteher dessen, was der Himmel gibt, die Erde erzeugt und der Nil hervorbringt, von allen Dingen im ganzen Lande und Wirklichen Vorsteher der Auftraege". Zwar ist Aegypten heute nicht mehr mit Kornhaeusern und knapper Rationierung vom Hunger zu befreien, aber wie der Mercedes zeigt, haette unser Gottesfreund auch in unseren Tagen noch etwas gefunden, was er dem Mangel haette entgegensetzten koennen. Es gab noch nie so viele davon in Kairo. Waehrend er damals die Fuelle besah, indem er in der Jahreszeit Akhet das Ausmass der Ueberschwemmung verzeichnete, im Peret dann die Menge der Saat jeder Frucht bestimmte und zum Shemu, der Sommerernte, die Ertraege wog, muesste er heute nur die Veroeffentlichungen der Ministerien am Ende des Fiskaljahres besehen, um zufrieden zu sein und dem Mangel kampfeslustig entgegenzusehen.

Die Alte in ihrem Djilbab hatte wohl irgendwie durcheinandergebracht, dass wir uns in der siebenjaehrigen Zeit der fetten Aehren, also der Zeit des ueberflusses und der Sorglosigkeit bewegen und keinesfalls in den Tagen der duerren Kuemmer-Aehren siechen. Ueber 7% Wachstum seit 5 Jahren, groesster Empfaenger auslaendischer Direktinvestitionen in Afrika, explodierende Exportbilanzen, ausufernde Fremdwaehrungsreserven in der Zentralbank, eine nie zuvor erreichte Zahl von Touristen, steigende Erloese durch den Schiffsverkehr im Suezkanal und der Titel "Reformer of the Year 2007" im Business Report 2008 der Weltbank zeigen eindeutig, dass Joseph die Frau zur Geduld fuer das Leben im Mangel angemahnt und auf die durchweg positiven Wirtschaftsdaten verwiesen haette, damit kein Unterbruch entstuende in der Folge der Jahre und alles so kaeme, wie im Koenigstraum beschrieben. Was ihn wohl haette stoeren koennen, sind die fast 15% Inflation, aber da weiss man sowieso nie so genau, woher sie kommt und was Ursache, was Wirkung ist, wieviel genau vertraeglich und wieviel genau schaedlich ist.

Wir wollen unserem umsichtigen Vorsteher an dieser Stelle natuerlich keine Kompetenz absprechen, da es nicht nur sein Verstand, sondern vor allem sein Segen war, der zeitlos ist, der ihn den Mangel beherrschen und ertraeglich machen liess, aber es sei doch gesagt, dass man als Herrscher ueber Unter- und Oberaegypten allein heute nur begrenzt schalten und walten kann. Das Getreide wird importiert und die gezahlten Weltmarktpreise an die Verbraucher weitergegeben. Da aber alle auf der Welt Hunger haben und wir die Planeten mit Biosprit retten wollen, ach.... was erzaehle ich da. Das fuehrt zu weit. Nachrichten koennt ihr ja selber gucken, ich wollte nur kurz bescheid sagen, dass eine alte Frau von einem Mercedes ueberfahren wurde und das es in Aegypten keinen gibt, dessen Aufgabe es ist, dem Mangel zu begegnen, der also wie Joseph waere und im Volke beliebt, der Steuern einnimmt und verteilt, alle gleich behandelt und Segen bringt, der menschlich ist und leben laesst.

2 comments:

Anonymous said...

Guter Artikel, sehr schön geschrieben. Wie mir scheint hast du dich da unten schon ganz gut eingelebt und bist schon tief in die Geheimnisse des Orients eingedrungen, um es mit den Worten von James Bond zu sagen? Bin schon gespannt auf deine nächste Meldung.
Viele Grüße!
Paul

P.S.: mach doch mal anonymes kommentieren an. ist blöd wenn man sich immer erst anmelden muss.

bucephallos said...

Mit seinem Bruder Aaron, der als der beredtere der beiden sein Sprachrohr zum Volke wird, tritt Mose vor den Pharao. Er verlangt, daß der sein Volk für ein Fest in die Wüste ziehen lassen möge, um drei Tagesreisen entfernt zu opfern. Der Ägypter lehnt ab.Nach wiederholter Zwiesprache mit Gott unternimmt Mose einen zweiten Anlauf. Diesmal zeigen sie das Wunder der Verwandlung ihrer Stäbe in Schlangen. Auch des Pharaos Weisen gelingt dieses Stück. Allerdings sind die Schlangen Aarons stärker und verschlingen die der Ägypter. DOch der Pharao lehnt das Begehren der Hebräer weiterhin ab, worauf die zehn Plagen über Ägypten kommen.
Als wäre die Welt aus rein biologischen, oder ökonomischen zwängen zu erklären...
schlangen können heute die form glänzender himmelskörper am firmamant annehmen, die irgendwie immer schwarz sind. andererseits gibt es wohl kein sodom ohne gomorra. und während villariba schon wieder feiert, muss villabajo noch schrubben. geschichte wiederholt sich. nie gleich, nie offensichtlich und immer im licht des schatten der sonne der umstände. das pendel schwingt und durch die stille braust die hallende lawine der völker.
das ist quasi die innensicht der aussensicht der innensicht.

abschließend ein leicht abgewandelter theodor storm:
doch hängt mein ganzes herz an dir,du graue welt am meer; der jugend zauber für und für ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, du graue welt am meer

naja..